Luana wirft unruhige Blicke um sich, verfolgt
jede Bewegung. Die Stute wirkt aufmerksam, aber
auch ein wenig angespannt. Nadine Plüss (53) steht
ihr auf dem Gnadenhof «Animal's Soul» in Stein AG
gegenüber. Ohne ein Wort – und ohne das Pferd zu
berühren – hält sie ihre Hände über Luanas Körper.
Es ist der Beginn einer Aponi-Therapie.
Für Augenblicke scheint sich nichts zu verändern.
Zumindest nichts, was von aussen sichtbar wäre.
Dann wird die Atmung des Pferdes tiefer,
gleichmässiger, Luanas Kopf sinkt immer weiter
nach unten, schliesslich setzt sie zu einem langen
Gähnen an.
Tierkommunikatorin Plüss ist zufrieden:
Anspannungen und Stress sollen zurücktreten –
körperlich wie emotional. Energie soll dorthin
fliessen, wo das Tier sie gerade am meisten
braucht. Eine Methode, um Balance, Ruhe und innere
Ordnung zu fördern.
Es sind Momente, wie sie Plüss auf dem Gnadenhof
immer wieder erlebt. Hier hat sie es sich zur
Aufgabe gemacht, Pferden mit einer schweren
Vergangenheit unentgeltlich zu helfen. Für Plüss
ist es ein Herzensprojekt. Auf ihrer Website
«Animal Talk» bietet sie neben der Aponi-Therapie
auch Tierkommunikation, die telepathische Suche
nach vermissten Tieren, Sterbebegleitung sowie
Energiearbeit als bezahlte Dienstleistungen an.
Tierkommunikation boomt
In der Schweiz liegt die Tierkommunikation derzeit
im Trend. Die Zahl der Ausbildungsmöglichkeiten
steigt, neue Berufsverbände entstehen und einige
Ausbildungskurse sind komplett ausgebucht.
Zahlreiche Anbieter bestätigen den wachsenden
Trend. «Das Interesse ist deutlich gestiegen»,
betont auch Plüss. «Viele Menschen wollen ihre
Tiere besser verstehen.»
Die Begriffe Tierkommunikatorin und
Tierkommunikator sind in der Schweiz staatlich
nicht geschützt. Es gibt keine offizielle
Ausbildung, die absolviert werden muss, um in
diesem Bereich tätig zu werden. Schon nach einem
siebentägigen Kurs mit 65 Lektionen erhält man
etwa beim Anbieter Seelenkraft ein Diplom als
Fachperson für Tierkommunikation. Der Kurs kostet
1650 Franken.
Plüss hat keinen klassischen Ausbildungsweg
absolviert. Ihr Weg sei von persönlichen
Erfahrungen, von Höhen und Tiefen geprägt. Schon
als Kind habe sie einen sehr natürlichen Zugang zu
Tieren verspürt. Über die Jahre habe sich diese
Wahrnehmung immer weiterentwickelt.
«Keine Magie oder Gedankenlesen»
Für ihre Arbeit in der Tierkommunikation brauche
Plüss die Tiere nicht zu treffen. Stattdessen
nehme sie nach eigener Aussage über zugeschickte
Fotos inneres Wissen, Stimmungen, Fragmente oder
Farben wahr. «Ich übersetze das, was ich
wahrnehme, in unsere menschliche Sprache.» Diese
Art von Kommunikation ermögliche es, die Beziehung
zum jeweiligen Gefährten aus dem Tierreich zu
harmonisieren. Einen wissenschaftlichen Nachweis
für die Wirksamkeit dieser Methode gibt es nicht.
Es seien nicht ihre eigenen Gedanken, sondern
Informationen, die sie da erhalte und weitergebe.
Auch Magie oder Gedankenlesen sei nicht im Spiel,
sondern eine achtsame Form der Wahrnehmung. Plüss
betont, dass Tierkommunikation weder Veterinäre
noch Trainer noch Therapeutinnen oder Therapeuten
ersetze. Vielmehr diene sie als ergänzende
Massnahme.
Bestätigung habe sie bereits von Tierärztinnen und
Tierärzten erhalten, die Kundinnen und Kunden an
sie weiterverweisen. «Das geschieht vor allem
dann, wenn ein Tier auf emotionaler oder
energetischer Ebene Unterstützung braucht oder
wenn trotz medizinischer Abklärung keine
eindeutigen Ursachen gefunden werden.» Ihre Arbeit
und die damit verbundenen Hinweise würden
Veterinären helfen, genauer hinzuschauen und
gezielter zu handeln.
Tiersuche per Telepathie
Neben der Tierkommunikation beherrscht Plüss nach
eigener Einschätzung auch die telepathische Suche
nach vermissten Tieren. Bei der Kommunikation
empfange sie Bilder, Gefühle oder Impulse. «Das
können Hinweise auf die Umgebung sein, auf
Richtungen, auf Menschen, Gebäude, Wasser, Wälder
oder auf den emotionalen Zustand des Tiers.» Dabei
ersetze sie keine Suche, sondern ergänze sie. Auch
für diese Methode liegen keine wissenschaftlichen
Belege vor.
Roberto Mossi ist Präsident der Gesellschaft
Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte (GST). Ihm
ist wichtig, dass im Bereich der Tierkommunikation
sorgfältig zwischen subjektiven Wahrnehmungen und
überprüfbaren Sachverhalten unterschieden werde,
um einen sachlichen Umgang vor allem mit der
Tiergesundheit zu gewährleisten. «Aufgrund meines
Hintergrunds als Tierarzt verstehe ich die
Ansicht, dass Tierkommunikation dieser Art sowie
telepathische Tiersuchen bei vermissten Tieren
nicht zuverlässig funktionieren», so Mossi.
«Kann dem Tier schaden»
«Wir arbeiten als Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler und orientieren uns an
überprüfbaren Erkenntnissen», so Mossi weiter.
Tierkommunikation könne allenfalls als ergänzende
Massnahme in Betracht gezogen werden, jedoch
niemals als Ersatz für eine tierärztliche
Abklärung oder Behandlung. In Fällen, in denen sie
anstelle der Medizin eingesetzt werde, könne sie
dem Tier schaden. Werde versucht, gesundheitliche
Fragen ausschliesslich über Tierkommunikation zu
klären, bestehe das Risiko, relevante Befunde zu
übersehen oder notwendige Behandlungen zu
verpassen, betont Mossi.
Plüss sagt, sie könne die Kritiker verstehen.
«Meine Arbeit ist nicht greifbar, nicht messbar
und passt nicht in klassische Schubladen.» Kritik
dürfe sein, solange sie respektvoll bleibe. «Ich
lade lediglich dazu ein, offenzubleiben, für das,
was sich vielleicht nicht erklären, aber erleben
lässt.»